Dissertationsprojekt
Titel und Publikation: Rassismus in Deutschland. Eine macht-reflexive, biographietheoretische und diskursanalytische Studie
Betreuung: Prof. Dr. Gabriele Rosenthal, Prof. Dr. Michaela Köttig und Prof. Dr. Andrea Bührmann
Laufzeit: 10/2008-01/2018
Durch rassistische Zuschreibungen und Praktiken werden Schwarze Menschen in Deutschland bis heute als Anders markiert. Kolonial tradierte Zuschreibungen haben sich hier weiterhin als ebenso wirkmächtig erwiesen wie biologistische Zuschreibungen in Kontinuität zur NS-Ideologie. Gleichsam haben sich diese historischen Kontinuitäten im Verlauf in beiden Teilen Deutschlands als weitgehend dethematisiert erwiesen. An diese Zuschreibungen angebunden sind vielmehr diffuse Praktiken der Verbesonderung und Ausgrenzung, die nicht auf ihren gesamtgesellschaftlichen Ursprung zurückgeführt werden und damit für Betroffene potenziell anzweifelbare und individualisierte Erfahrungen konstituieren. Diesem Spannungsverhältnis wird aus einer wissenssoziologischen Perspektive auf drei Ebenen nachgegangen. Mittels eines biographietheoretischen Ansatzes werden die Lebensverläufe der Rassismuserlebenden in den Fokus gerückt. Es lassen sich vier Typen des Umgangs mit Rassismus rekonstruieren: das selbstgewählte Auffallen, die Distanzierung, die Aufrechterhaltung von Autonomie und die Interventionen. Die Bearbeitungsmuster werden in ihrer Genese und ihrer Verwobenheit mit familialen, milieuspezifischen und gesellschaftshistorischen Gegebenheiten transparent gemacht. Mittels einer diskursanalytischen Perspektive wird die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus vor dem historisch deutschen Hintergrund von Kolonialismus und Nationalsozialismus in der Gegenwart sichtbar gemacht. Es werden zwei Diskursstränge der gesellschaftlichen Bearbeitung bzw. Arten und Weisen des Sprechens über Rassismus vorgestellt, vor denen die Biograph*innen ihre Erfahrungen aufschichten: Rassismus als Randphänomen und Rassismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen. Mittels einer selbstreflexiv-machtkritischen Perspektive werden Machtverhältnisse und daraus resultierende Position(ierung)en in der Interaktion und im Forschungsprozess aus einer Weißen Forscherinnenperspektive in den Blick genommen und die sich verschränkenden Position(ierung)en auf der Ebene der Biographie herausgearbeitet. Auf diese Weise macht diese Studie die Bearbeitung von Rassismus in einem größeren Rahmen transparent: historisch, in den biographischen Verläufen und interaktiv. Zusammengefasst wird ein multiperspektivischer Blick auf den Gegenstand Rassismus eingenommen. Die Studie liefert so Erkenntnisse über die gesellschaftliche und biographische Wahrnehmung und Bearbeitung von Rassismus in Deutschland, die Wirkmächtigkeit rassistischer Diskurse, aber auch die Aneignungsmöglichkeiten der Akteur*innen, die von Rassismus betroffen sind, die Machtmechanismen in Lebensverläufen und in der Interaktion, und die Interdependenz von Rassismus mit anderen Formen von Ausgrenzung auf der Ebene der Biographie. Das Dissertationsvorhaben leistet zudem einen methodologischen Beitrag dazu, die Verbindung von Biographieforschung und Diskursanalyse für das empirische Arbeiten weiter zu entwickeln.