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Press release: Überprüfung potenziell politisch motivierter Tötungsdelikte in Niedersachsen

No. 134 - 08.10.2026

Universität Göttingen und Polizeiakademie Niedersachsen starten gemeinsames Forschungsprojekt

 

(pug) Die Universität Göttingen und die Polizeiakademie Niedersachsen untersuchen in einem gemeinsamen Forschungsprojekt elf Tötungsdelikte, die sich zwischen 1990 und 2017 in Niedersachsen ereignet haben und bei denen ein rechtes, rassistisches oder sozialdarwinistisches Tatmotiv vermutet wird. Die Fälle werden in zivilgesellschaftlichen Statistiken zu Todesopfern rechter Gewalt geführt, sind bislang jedoch nicht in der Statistik der politisch motivierten Kriminalität (PMK) erfasst. Das Niedersächsische Ministerium für Inneres, Sport und Digitalisierung fördert das Projekt anderthalb Jahre lang mit insgesamt rund 250.000 Euro.

 

Das Projekt verbindet geschichtswissenschaftliche und kriminologische Perspektiven, die Fälle werden auf der Grundlage wissenschaftlicher Kriterien neu untersucht. Zudem geht das Forschungsteam der Frage nach, warum sie zum jeweiligen Zeitpunkt nicht als politisch motivierte Gewalt eingeordnet wurden und wie sich die Kriterien und Verfahren zur Beurteilung politischer Tatmotivation seit den 1990er-Jahren verändert haben. Ausgewertet werden hierfür unter anderem Ermittlungsakten, Gerichtsurteile sowie zeitgenössische Presse- und Rundfunkberichte.

 

„Wir stützen die wissenschaftliche Neubewertung der Fälle auf eine breite Quellenbasis“, sagt Ezra Rudolph vom Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Universität Göttingen, wissenschaftliche Leitung des Projekts. „Uns interessiert, auf welcher Informationsgrundlage die Fälle beurteilt wurden, welche Deutungsmuster dabei eine Rolle spielten und in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen die Bewertungen vorgenommen wurden.“

 

„Ob eine Gewalttat als politisch motiviert erkannt wird, hängt nicht allein von Merkmalen der Tat oder der Täterinnen oder Täter ab“, sagt Dr. Daniela Klimke, Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen, Leiterin des Instituts für Kriminalitäts- und Sicherheitsforschung (IKriS) und Projektverantwortliche auf Seiten der Polizeiakademie. „Entscheidend ist auch, welche Vorstellungen von politischer Gewalt zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherrschen, welche Informationen berücksichtigt werden und wie Polizei und Justiz diese Informationen einordnen.“

 

Die Studie geht auf eine Vereinbarung im Koalitionsvertrag der niedersächsischen Landesregierung zurück und greift langjährige Forderungen aus der Zivilgesellschaft nach einer Überprüfung solcher Fälle auf. Vergleichbare Studien gibt es bislang unter anderem aus Brandenburg und Thüringen.

 

Wie in diesen Projekten sollen auch in Niedersachsen unterschiedliche Perspektiven beratend in die Forschung einbezogen werden. Ein Beirat mit Vertreterinnen und Vertretern von Betroffenen, Zivilgesellschaft und staatlichen Einrichtungen wird die Arbeit begleiten und Zwischenergebnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutieren. „Dieser Austausch ist für ein Projekt, das sowohl zurückliegende staatliche Bewertungen als auch Erfahrungen und Einschätzungen aus der Zivilgesellschaft in den Blick nimmt, von besonderer Bedeutung“, sagt Projektkoordinator Jan Renken von der Universität Göttingen.

 

Zum geplanten Abschluss des Projekts im Februar 2028 wird das Forschungsteam dem Niedersächsischen Ministerium für Inneres, Sport und Digitalisierung einen umfassenden Bericht vorlegen. Dieser wird die Ergebnisse der wissenschaftlichen Überprüfung dokumentieren und Empfehlungen für die Neubewertung der untersuchten Tötungsdelikte enthalten.

 

Kontakt:

Jan Renken

Georg-August-Universität Göttingen

Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte

E-Mail: ueberpruefungsstudie@uni-goettingen.de