Forschungsverbund »Nützliche Bibliotheken«
Die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, die Georg-August-Universität Göttingen, die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen und die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover haben sich im Forschungsverbund »Nützliche Bibliotheken« zusammengeschlossen. Ab Juli 2026 werden in drei Projekten die Wissenstechniken in Bibliotheken des 18. Jahrhunderts untersucht.
Der Forschungsverbund »Nützliche Bibliotheken« untersucht die Transformation repräsentativer Büchersammlungen in Einrichtungen der wissenschaftlichen Dienstleistung während des »langen 18. Jahrhunderts«. Das Ziel des in drei Teilprojekte gegliederten Verbunds besteht in der Erschließung und Analyse von Wissenstechniken der Bibliothek und der ihnen zugrundeliegenden Rationalität vor dem Hintergrund des zeittypischen Nützlichkeitsparadigmas und der damit verbundenen Erkenntnisinteressen. Untersucht werden sollen die großen und kleinen Wissenstechniken der Bibliothek, also all jene teils traditionellen, teils innovativen Verfahren, die auf die eine oder andere Weise die Informationsversorgung einer zunehmend heterogenen Nutzerschaft regelten.
Den Kern des Verbunds bilden mit der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek in Hannover und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen drei historisch bedeutende Bibliotheken, die sich in Bestand, Struktur und Funktion zwar deutlich voneinander unterscheiden, zugleich aber territorial, dynastisch und institutionengeschichtlich eng miteinander verbunden waren. Alle drei Bibliotheken verfügen über einen außergewöhnlich dichten Bestand an Quellen zur bibliothekarischen Arbeit und den institutionellen Abläufen im 18. Jahrhundert. Diese besondere Situation erlaubt eine komparative Forschungsperspektive, in der wissenstechnische Entwicklungen in ihren lokalen Bedingungen erkennbar werden.
Gegenstand der Teilprojekte sind Praktiken, Akteure und Bestände, die im 18. Jahrhundert an der Konstitution spezifischer Wissensräume in den jeweiligen Bibliotheken beteiligt waren. Zu untersuchen sind relevante Tendenzen der Automatisierung und Standardisierung von Verfahren der Beschaffung, Bereitstellung und Verknüpfung von Informationen als Teil der Transformation von Bibliotheken zu Zentren neuzeitlichen Wissensmanagements – und wie diese sich zu den epistemischen Idealen der Aufklärungsbewegung sowie deren Realisierungen in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen verhielten. Dabei soll die intensive Quellenarbeit auch zur kritischen Revision etablierter wissens- und wissenschaftshistorischer Narrative beitragen.
In der SUB Göttingen sollen die Praktiken von Bestandsaufbau und Katalogisierung vor dem Hintergrund des epistemischen und wissenspolitischen Wandels des 18. Jahrhunderts und neuen Formen wissenschaftlichen Literaturbedarfs untersucht werden. Der Fokus der Untersuchung soll dabei auch auf dem Spannungsverhältnis unterschiedlicher symbolischer und sozialer Ökonomien liegen, insofern die Bibliotheken einerseits Teil der repräsentativen Öffentlichkeit territorialer Herrschaft und andererseits Ort einer zunehmend spezialisierten und professionalisierten Wissensproduktion waren. In diesem Zusammenhang sind die in Göttingen erhaltenen Erwerbungsregister und Rechnungen zu untersuchen, die Auswahl und Aktualität der Buchankäufe dokumentieren – so besteht das Erwerbungsmanual der SUB bis zum Jahr 1815 aus 60 Bänden mit je ca. 180 Seiten, die in Göttingen geführten und aufbewahrten Rechnungsbücher aus dem Zeitraum 1773–1812 umfassen geschätzt ca. 90.000 Bücher/Titel. Aufgrund des Umfangs dieser Quellen bietet es sich aus methodischer und pragmatischer Sicht an, die Analyse auf die Literatur ausgewählter Fächer, auf Lehrbücher oder auf Provenienzen (z. B. Auktionskäufe, Reihen, Messen) zu begrenzen. Zur Untersuchung und Kontextualisierung dieser Quellenbestände sind neben den ökonomischen Rahmenbedingungen auch der ideologische Hintergrund und institutionelle Absichten des Bucherwerbs zu betrachten, die aus Memoranden, theoretischen Abhandlungen oder auch dem bibliothekarischen Briefwechsel zu erschließen sind. Im Göttinger Briefnachlass Christian Gottlob Heynes, dritter Bibliotheksdirektor der Göttinger Universitätsbibliothek, finden sich etwa diesbezügliche Erläuterungen über die inhaltliche Ausrichtung des Bestandsaufbaus; der Briefwechsel zwischen Heyne, Brandes und Münchhausen mit den Empfehlungen Heynes, wie eine private Universalbibliothek zu bestücken sei, erlaubt im Abgleich mit den Göttinger Beständen ebenfalls relevante Rückschlüsse über den Aufbau und die Organisation einer Universitätsbibliothek
des 18. Jahrhunderts.
In der Projektlaufzeit soll eine Qualifikationsschrift (Dissertation) oder eine vergleichbare wissenschaftliche Forschungsarbeit entstehen. Der inhaltliche Austausch der Mitarbeiter*innen der drei Teilprojekte wird durch regelmäßige Treffen sowie jährliche Arbeitsgespräche (Workshops) gefördert. In der Mitte der Förderphase soll eine internationale Tagung stattfinden. Zum Ende der Laufzeit sollen Ergebnisse in Form einer Ausstellung präsentiert werden. Der/die Wissenschaftliche Mitarbeiter*in im Teilprojekt wird in seiner/ihrer Tätigkeit von einer Wissenschaftlichen Hilfskraft sowie Fachpersonal unterstützt. Die wissenschaftliche Betreuung wird durch die Mitglieder der Verbundarbeitsgruppe sowie die Kooperationspartner des Forschungsverbunds gewährleistet.
Finanzierung durch: Gefördert vom Land Niedersachsen im Rahmen des Förderprogramms zukunft.niedersachsen